Es gibt schon seltsame Zeitgenossen.
Da war ich heute im Wald - ja, ich war so mutig, obwohl ich gestern an anderer Stelle keinen einzigen (!) Fruchtkörper fand! Kathrin, die beste Großpilzjägertreiberin weit und breit, meinte so ganz locker beim Frühstückskaffee: "Du, da hinten kommt frei blauer Himmel". Ich ins Schlafzimmer, meinen roten tarnkombi angelegt und binnen drei Minuten saß ich im Auto, während es noch in Strömen goß! Nur so geht's, dachte ich bei mir.
Im Wald angelangt war erst mal Frust angesagt: An der von mir in dieser Gegend favorisierten Stelle erwartete ich nach all dem Regen und der guten Wärme, bei diesem wunderbar schwülen Wetter, ja, da erwartete ich eigentlich ein Meer von gelben Tupfern zu sehen. Es waren leider nur zwei Kameraden zu sehen, ansonsten langweilte mich nasses Grün.
"Mist!", dachte ich so bei mir. Irgendwie wollte ich aber noch nicht aufgeben und hüpfte auf die andere Seite des Bächleins. Just an die Stelle, wo ich vor 2 oder 3 Jahren schon mal völlig unvermittel einen riesigen Steini auf einer Baumwurzel thronend entdeckte. Danach nie wieder was gefunden dort. Heute meinte ich also, da könnten sich vielleicht doch weitere Pfiffis aufhalten. Doch mir stockte der Atem: Eine wunderhübsche Steini-Familie erfreute mein nunmehr feuchtes Auge. Ich hielt zunächst inne, dann juchzte ich im Stillen vor Vergnügen und es war mir als erlebte ich einen inneren Bundespilzkongress :-) Dann das Standardprogramm: Photo für P. und ab mit den Kameraden ins Körbchen.

Wenn schon hier Steinis stehen, wie mag es dann an meiner Steinpilzwiese wohl aussehen, die ich letztes Jahr so glücklich entdecken durfte? Jou!!! Es war einfach nur der ganz normale Wahnsinn. Welch sinnliche Erfahrung, diese runden strammen Kameraden zwischen Daumen und Fingern zu fühlen und sie sanft aus dem Boden zu drehen! Sie standen da wie gemalt: Erst einer, dann zwei, dann drei, dann sechs, dann zehn - immer mehr schienen sich dazuzugesellen :-). Auf der Nachbarwiese muß sich tags zuvor (oder waren es 2 Tage?) ähnliches abgespielt haben, nur eine oder zwei Nummern größer: Handtellergroße Schnittflächen ließ dieser "Frevler" zurück. Er machte sich nicht mal die Mühe, die Steinis komplett abzuschneiden, hatte wohl bei der Erntemenge keine Lust zum Putzen.

Er ließ teilweise ca. 150-Gramm-schwere Teile einfach liegen oder im Boden stecken. Welch ein Wahnsinn. Ließ ich zunächst großzügig einige kleine Steinibabies stehen um diese vielleicht übermorgen zu holen, so kehrte ich nach dem Anblick der Frevlervorgehensweise zurück und holte auch den Rest ins Körbchen. Schließlich weiß unsereins die Früchte der Natur zu schätzen. Sorgsam verschloß ich jede Wunde, zum Wohle des Pilzes aber auch zur Tarnung. Muß ja nicht jeder zufällig dahertapsende Waldschrat gleich sehen, welches Gemetzel hier hin und wieder stattfindet.
Nun verspürte ich so etwas wie maßlose Gier in mir. So muß es wohl Haien ergehen, die Blut wittern. Ich verfiel einem wahren Pilzrausch und kann nun getrost und ohne Übertreibung melden: Dieser Wald ist fruchtkörperfrei! Zumindest was den Steinpilz angeht und zumindest für 2 Tage ;-)
Im Ergebnis waren es am Ende exakt 4727 Gramm geputzte (!) Steinis!!! Hier gibt es Photos dieser wahrhaften
Pilzorgie
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Umgehend schlug ich bei meinem pilztechnischen Lehrmeister 'Pilzalarm', welcher diesen dazu veranlaßte, in Windeseile den momentanen Standort Richtung bekanntem Waldgebiet zu verlagern. Doch er hatte Pech: lediglich zwei klitzekleine Jungsteinis waren neben einer Espenrotkappe und zwei Hexen seine Ausbeute.
Sein Anruf mit dem Hinweis, daß seine Frau berühmt für ihre handgeschabten Spätzle sei, wurde von mir direkt als das erkannt, was es war: der Hilferuf eines Gourmets! Gut, wer Freunde hat, die Pilze finden können!
Das daraus resultierende köstliche Mahl in O. haben wir in allen Zügen genossen. Natürlich auch, weil der Hausherr es sich nicht nehmen ließ köstlichen Weißwein zu kredenzen. U.a. eine allerdngs noch verdammt jungen Montrachet von Lamy-Pillot aus dem Jahre 2007. Der abschließende Barolo von Chicco war aber auch nicht von überaus schlechten Vorfahren!
Ein wunderschöner improvisierter Abend, von dessen Art es ruhig mehr geben dürfte :-)
In diesem Sinne
Steinhart